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Ralf Hickethier - Pädagogischer Psychologe & verkehrspsychologischer Berater

Gedankensplitter

Liebe Leser, wenn Sie einen Gedankensplitter zu Fragen der Erziehung und Bildung haben, schicken Sie ihn mir bitte per E-Mail. Ich werde ihn in dieser Rubrik veröffentlichen, wenn ich ihn gut finde. Danke.
Ich bevorzuge die alte Rechtschreibung, akzeptiere aber auch die neue, wenn Sie Ihren Text so schreiben. Im Interesse der Jugend, die ja doch gezwungen ist, die neue Rechtschreinung zu gebrauchen, tue ich dies inzwischen auch selbst. Aber Ihre Beiträge veröffentlichtliche ich so, wie Sie sie geschrieben haben, dabei ist die neue oder alte Rechtschreibung ziemlich zweitrangig, Hauptsache Sie schreiben Deutsch und haben kreative Gedanken zur Erziehung.

 

Bitte schicken Sie mir Ihre Gedankensplitter.

 

Meine sind (auch) sehr persönlich und damit subjektiv. Ein "Gedankensplitter" kann keine ganze, ausgewogene Theorie sein. Ich gebe Ihren Namen vollständig an oder, wenn Sie wollen, auch nur Ihre Initialien.

 

Benutzen Sie im Kasten links oben die unterste Zeile "Kontakt/Impressum". Danke.

1.
Hilfe statt Strafe für die Täter – Strafe statt Hilfe für die Opfer

So inkonsequent sind die pädagogischen Weicheier, die sich gegen jede Form der Repression gegen Kinder und Jugendlichen wenden, ja nun auch wieder nicht. Erstens weil sie diesen Standpunkt konsequent vertreten und zweitens und vor allem, weil sie durchaus auch für strenge Strafen sind, zwar nicht für die Täter, sondern deren Opfer, aber immerhin. Da für die Täter unbedingt gelten muß "Hilfe statt Strafe", werden dann dafür die Opfer umso konsequenter bestraft: Sie werden gnadenlos den fortgesetzten Attacken ihrer Peiniger ausgeliefert, damit diesen z.B. kein "Schnupperknast" oder wirklich leistungs- und ergebnisorientierter Wochenendarrest zugemutet werden muß. Das ist ganz undenkbar, denn die gebildeten pädagogischen Weicheier wissen: Durch Zwang ist noch niemand besser geworden. Mit Druck und Gewalt kann man keinen bessern, höchstens nur kurzzeitig äußerlich. Dafür kriegen dann die Opfer Druck und Gewalt, langfristig, innerlich und äußerlich. Es gleicht sich alles wieder aus durch eine kluge, demokratisch-emanzipatorische (West)Pädagogik. Dadurch haben sich die jugendlichen Persönlichkeiten, z.B. in ihrem Sozialverhalten und ihrer politischen Interessiertheit, im Vergleich zur Zeit der DDR-Diktatur schon ganz gewaltig entwickelt. Leider nur theoretisch und im Wunschdenken der Verantwortlichen. (Da sind wir wieder bei der DDR.) In Wirklichkeit ist eine Verschlechterung eingetreten. Aber wehe, jemand mäkelt an der schönen Theorie herum. Die Landkarte stimmt! Bloß die Gegend ist falsch!
R.H., Mai 2006

2.
Die moderne westliche Demokratie macht das Familienleben justitiabel

Wenn es legitim und gewünscht ist, daß Kinder und Jugendliche ihre Eltern wegen einer Ohrfeige oder wegen eines Klapses anzeigen und verklagen, müssen diese dann aber auch das Recht haben, ihre Kinder wegen Beleidigung, Verleumdung, übler Nachrede, Diebstahl u.ä. anzuzeigen und zu verklagen. Ich rede wohlgemerkt nicht von Mißhandlungen, also von Gewalt, die zu Verletzungen führt oder ein Kind demonstrativ entwürdigt oder bloßstellt. Das war in Deutschland schon immer, zumindest nach dem Zweiten Weltkrieg, verboten und wurde ganz zurecht als Straftat verfolgt. Ob das jetzt noch gut möglich ist, wo der Staatsanwalt über jede Ohrfeige wachen muß?
R.H., Mai 2006

 

3.

Aus einer Position der Defensive heraus kann kein Mensch vernünftig verhandeln.

Ich bekomme einen Anruf: „Wir haben ein Gewaltproblem an unserer Schule“. „Tut mir leid“, kann ich der Kollegin nur sagen, die mir wirklich sehr leid tut. Die Psychologie kann nicht symbolisch, sozusagen schamanenhaft richten, was die Gesellschaft der Pädagogik an Mitteln und Möglichkeiten verweigert, erst einmal einen Mindeststandard an Sicherheit und Ordnung zu garantieren. Ich rede mit keinem Gewalttäter, der überhaupt keinen Grund sieht, von seinem Hochmut, von der Pose des Angriffs abzulassen. Ich würde das nur in einer Ausnahmesituation tun, in einem Moment hoher konkreter Gefahr, in der der Staat noch keine Macht über ihn hat, und das Opfer jetzt geschützt werden muss, auch um den Preis, dass ich auf den Hochmut des Angreifers eingehe und ihn damit für diese Ausnahmezeit gezwungenermaßen akzeptiere. Nachdem dies gelungen ist, der Gewalttäter von seinem Opfer getrennt ist und er sich jetzt unter staatlicher Aufsicht befindet, muss sofort die normale Ordnung hergestellt werden, muss er von seinem hohen Ross heruntergerissen werden. Da mir unsere Gesellschaft gerade das im pädagogischen Alltag nicht erlaubt, hat es keinen Sinn, mit ihm psychologische Gespräche zu führen.

Wir alle können uns nur dann wirklich auf uns ganz fremde Positionen und Gedanken einlassen, wenn wir sensibilisiert, sozusagen aufgewühlt sind. Ein zivilisierter, seelisch gesunder Mensch ist das, wenn er Gewalt erlebt oder erlebte Gewalt verarbeiten soll. Ein Gewalttäter selbst hat eine kranke Logik, die ihm sein Tun als ganz normal und folgrichtig erscheinen lässt. Deswegen ist er nicht sensibilisiert, für ein Gespräch darüber nicht wirklich bereit, wenn ihm nicht – sozusagen ersatzweise – von der Gesellschaft, den Pädagogen, Psychologen und Sicherheitskräften, gehörig Druck gemacht werden darf. Gewalttäter der Art, die sofort offensiv handeln, sowie sie im vorhandenen Kräfteverhältnis eine Chance dafür sehen, sind nur beeindruckbar durch massive, praktisch spürbare Einschränkungen ihres eigenen Wohlergehens. Das darf ich nicht. Ich soll anstatt dessen über die Ursachen seiner Aggressivität mit ihm reden. Das will er nicht (wirklich), er tut es nur scheinbar und herablassend, solange ich ihm nicht von einer Position der Stärke begegnen darf. Ein Teufelskreislauf.

Abgesehen von allen Grundwidersprüchen des Lebens, dass Kinder keine stabile Heimat in ihren Familien haben, dass sie hier nicht genug Liebe, Geborgenheit und Interessiertheit erleben, dass die Schule – zwangsläufig – ein Stück am praktischen Leben vorbei unterrichtet, dass Demokratie in ihr nicht effektiv praktiziert wird, dass Jugendliche nicht wirklich eine Perspektive für ihr Arbeitsleben haben, produziert die deutsche Gesellschaft schon insofern immer wieder selbst die direkten Ursachen für die zunehmende Gewalttätigkeit der Jugend.

R.H., Februar 2007

 

4. Liebe und Strenge – das ist der falsche Gegensatz; sie können gut und gern auf einer Seite stehen, wenn der liebevolle, großzügige Pädagoge zugleich ein „handwerklicher“ Profi ist

Bernhard Bueb hat von vorn bis hinten Recht. Nur in einem nicht: Die 68ziger Pädagogik hat nicht die Liebe im Vergleich zu Führung und Konsequenz zu sehr betont. Schlimmer noch, sie hat wie ein Anfänger der Pädagogik nicht begriffen, dass die Liebe nicht das Pendant zu Strenge und Ordnung ist, sondern, pädagogisch richtig verstanden, ihre notwendige Grundlage, die gemeinsame Klammer von Strenge und Großzügigkeit, von Ordnung und Freiheit. Anstatt dessen hat sie beide Seiten flach gehalten, verwaltungsbeamtensicher. Die pädagogische Leistung wäre aber gerade, die Intensität dieser beiden Pole, die sich zwar gegenseitig durchschimmern sollen, auf der Grundlage von Liebe als Lebensmut - als Mut zu vertrauen und etwas auszurichten - , jeweils auch „steil“ zu praktizieren, wenn das von der Situation und den Personen her notwendig bzw. möglich ist. Viele Wege führen nach Rom, der laue Mittelweg jedenfalls nicht.

R.H., Mai 2007

 

5. Ich als Lehrer - wie sehe ich mich?

Vor der Schulzeit war ich ein aufgewecktes Kind. Ein Freund aus diesen Uraltzeiten erzählte mir, dass ich öfter gesagt hätte: „Die Operation leite ich!“ In der 2., 3. Klasse ist mein Selbstbewusstsein durch eine herumbrüllende Unterstufenlehrerin beschädigt worden. Seitdem war ich eher schüchtern, was allerdings sowieso zum Kern meiner Ursprungsnatur gehört. Ich hatte durch diese Frau aber zusätzlich eine enorme Angst gelernt zu versagen.

Im Laufe der Jahre entstand mein Bedürfnis, selbst ein gerechter und starker Lehrer zu werden, der Verunsicherbare wie mich später einmal in Schutz nehmen könnte. Ich bewunderte die Macht der Lehrer, zensierte die Schulhefte meines Bruders, mochte auch die Rabauken in meiner Klasse, so lange sie durch die Stärke eines guten Lehrers im Zaum gehalten wurden. Ich wollte Gerechtigkeit und Macht miteinander verbinden. Der Geist braucht die Macht, hatte schon Berthold Brecht gesagt. Dann studierte ich und nach dem Studium 1977 musste ich mit Entsetzen feststellen, dass ein schleichender Paradigmenwechsel begonnen hatte, auch in der DDR, nicht nur im Westen Deutschlands: Die Lehrer hatten gar nicht mehr von vornherein die Macht, die sie gerecht zum Schutz der Sensiblen hätten einsetzen können. Sie sollten sie sich erst einmal verdienen mit besonderen unterrichtlichen Bravourleistungen. Also wieder diese Unsicherheit: Ich war auf die andere Seite der Barrikade geflüchtet und wurde wieder angebrüllt, diesmal nicht von einem Unterstufenfeldwebel, sondern von unerzogenen Rüpeln, von denen ein Mindestmaß an Kultur schon damals nicht einfach verlangt werden durfte. Nein, sie sollten umworben und „gewonnen“ werden, bis sie sich selbst bessern wollten. Das war eine meiner größten Ernüchterungen: Zur falschen Zeit Schüler und zur falschen Zeit Lehrer.

R.H., Januar 2009


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Letzte Aktualisierung: 30.01.2009