1. Sächsicher Erziehertag
2. Vortrag in Gaußig
3. Festschrift
4. Günther Oettinger
5. Oma Gertrud (1)
6. Oma Gertrud (2)
7. Liebe und Strenge
8. Offener Brief
9. Vortrag 9/2006
10. Vortrag 2/2007
11. Freiheit & Sicherheit
12. Vortrag 6/2007
1. Kinder haben ein Recht auf Erziehung
Vortrag auf dem Erziehertag des Sächsischen Lehrerverbandes am 6.3.2010 in Frankenberg
Ich stelle das Manuskript auf meine Internetseite, so dass Sie in Ruhe zuhören können.
Heutzutage muss ich erklären, wie ich es meine: Ein Recht auf Erzogenwerden
Eigenes Urteil fällen: Jirena Prekop
Wie komme ich dazu, über dieses Thema zu reden? Vor allem Schulleiter seit gut einem halben Schuljahr.
1. Erziehung ist die Grundlage jeder Bildung.
Erziehung : Bildung = Charakter : Wissen
Erziehung ist das Nadelöhr für die Bildung und zwar in beidseitiger Richtung. Ohne Erziehung erlangt man erstens keine gute, allumfassende Bildung, weil sie ohne Erziehung nur persönlich lustgesteuert bleibt, und zweitens wendet man eine doch errungene, vielleicht sehr spezielle Bildung ohne eine gute Erziehung leicht gegen die Mitmenschen an.
Ich lese die Thesen, die in meinem Manuskript und dann auf der Internetseite stehen vor und assoziiere dann frei darüber.
Die Regeln der Paulus-Schule
1. Wir – Schüler, Lehrer und Eltern – sind eine Gemeinschaft. Wir sind die Paulus-Schule. Das ist unsere Schule. Wir gehen freundlich miteinander um und helfen uns gegenseitig. Gewalt und Beleidigungen sind tabu. Besonders höflich verhalten sich die Schüler Erwachsenen gegenüber.[Ordnung ist das Gegenteil von Gleichmacherei. Ordnung ist Profil.] Wir sind rücksichtsvoll zueinander.
2. Jeder sagt ehrlich und ruhig seine eigene Meinung und zeigt seine Gefühle. Das tun wir aber mit Kultur: Wir lassen den anderen ausreden. Wir halten inne und versetzen uns in seine Lage, bevor wir weiter die eigene Meinung sagen. Bei Konflikten sucht jeder zuerst nach seinem eigenen Anteil. Wenn es darauf ankommt, gehorchen die Kinder ihren Eltern und Lehrern.
3. Die Schüler kümmern sich selbst nach besten Kräften um den Erfolg ihres Lernens. Kein anderer als sie ist dafür verantwortlich, dass sie alles Nötige für den Unterricht bereithalten. Wenn sie etwas versäumt haben, besorgen sie sich von allein die Informationen, die sie brauchen, um es nachzuholen.
(siehe www.Paulus-Mittelschule.de)
2. Erziehung braucht Beziehung
3. Beziehung braucht Treue
4. Treue braucht Mut und Stolz auf das Eigene
5. Mut braucht Sicherheit
6. Sicherheit entsteht durch die pädagogische Offensive der Erziehenden, insbesondere der Eltern und Lehrer à 1.
2. Was fordert unsere Zeit von uns und was können und müssen wir tun?
Vortrag am 03.08.2009 auf der Lehrerkonferenz des Evangelischen Schulvereins im Landkreis Bautzen e.V. in Gaußig
Einleitung
Ich bin ein Mensch, ein irrender Mensch und trotzdem bin ich treu – ich stehe zu dem, was ich jetzt denke und sage.
Unsere Seelen brauchen so dringend Menschen, die treu Kontur zeigen, ihre menschliche Kontur, wenn es auch eine hilflose ist, die den Ansprüchen der Ewigkeit noch lange nicht genügt.
Aber wir sind ja auch noch nicht in der Ewigkeit. Ich rede hier nicht vor lauter Engeln und bin selbst auch keiner, leider oder besser: Zum Glück, sonst könnte ich nie einer werden.
Ich muss auf dieser Welt Fehler machen, böse sein wie wir alle, um daraus zu lernen für die Liebe. Aber ich will nicht böse sein, das passiert ganz von allein - viel zu oft.
Wir müssen treu sein, liebe Kollegen, unsere persönliche Kontur zeigen, damit unsere Schüler lernen, das auch zu tun.
Ich rede vor Ihnen, schlage Wellen mit meinen Worten, Schallwellen. Das ist für uns angemessen, denn wir sind erwachsen. Für Kinder, Schulkinder insgesamt, zumindest bis zur Pubertät, ist es der 3. Schritt, ein Zusatz, der auf praktischem Tun aufbauen muss.
Bei Erwachsenen, bei reifen Persönlichkeiten, die dem Reich Gottes schon nahe sind, geht die bewusste Einsicht dem Handeln voraus.
Bei den Kindern bzw. den Menschen insgesamt als den Kindern Gottes ist es oftmals umgedreht:
Erst durch das praktische Handeln entsteht die Einsicht, viel besser und viel eher als durch das Produzieren von Worten. Deswegen können wir Schülern auch kaum so einen langen Lehrervortrag zumuten, wie ich das gerade mit Ihnen tue.
Und deswegen hat es nur Sinn, mit Schülern über moralisches, christliches Verhalten zu reden, wenn wir das vorher bei den Kleinigkeiten des alltäglichen Lebens praktizieren.
Reden, ohne die Basis eines alltäglichen, passenden Handelns ist für junge Menschen weitgehend sinnlos. Wenn wir Umgangsformen haben, durch die der Respekt vor den Mitmenschen an jedem Tag immer wieder neu praktiziert wird, z.B. das Aufstehen zum Unterrichtsbeginn, dann können wir später sinnvoll auch über den geistigen Überbau reden, über Respekt und gegenseitige Achtung als moralische Kategorien.
Für Menschen gilt, je kindlicher sie sind, desto mehr: „Probieren geht über Studieren“ oder „Der Appetit kommt beim Essen“. Ihre Motivation wächst beim Handeln und durch das Handeln. Deswegen müssen sich Lehrer trauen, ein Handeln von den Schülern auch dann zu verlangen, wenn diese gar keine Lust dazu haben.
Es ist ein großes Missverständnis der Neuzeit, dass Erwachsene nur das verlangen dürften, wovon sie die Kinder vorher überzeugt hätten.
Das geht entwicklungspsychologisch gar nicht, denn Kinder lernen nur durch Handeln und nicht durch den Austausch von Argumenten auf einer sprachlich-abstrakten Ebene.
Die können und sollen dann dazu kommen, aber sie sind nicht primär.
Beispiele: Michael Winterhoff: Haare waschen.
Warum sollen wir das abschreiben? Weil ich es sage!
Da ist viel Vertrauen dabei. „Vertraut mir!“ Vertrauen – Hoffnung – Liebe
Für Kinder gilt im Verhältnis zu ihren Eltern und Lehrern: Kontrolle ist gut, aber Vertrauen ist besser.
Und manchmal und immer öfter, je älter unsere Schüler werden, sollen auch wir Lehrer wieder zu Kindern werden und uns ihnen gegenüber den gleichen Leitspruch zu eigen machen.
Aber vorher brauchen wir Lehrer den Mut, ein Handeln der Schüler zu verlangen und durchzusetzen, auch wenn deren Einsicht noch nicht da ist.
Denn Einsicht entsteht bei Kindern nicht primär durch Diskussionen, sondern durch den erlebten Erfolg ihres Handelns.
Alice Schwarzer: „Wem immer Liebe gepredigt wird, der lernt nicht Liebe, sondern Predigen.“ Wo sie Recht hat, hat sie Recht.
Zweiter Grund dafür: Wenn wir nur das verlangen, was die Schüler sowieso wollen: Keine Entwicklung, denn die ist nur möglich durch das Lösen von Widersprüchen.
Gute Deutsche überzeugen ja sogar ihren Hund nicht durch klare Kommandos, sondern durch Fragen: Kommst du bitte her?
Oder sie flüstern dem Pferd ins Ohr: „Machst du bitte brr?“
Es ist schwer, etwas zu verlangen, was die Mitmenschen nicht wollen, auch wenn diese Mitmenschen Schüler sind und von der natürlichen Schöpfungsordnung in einer hierarchischen Beziehung zu ihren Eltern und Lehrern stehen.
Das ist die Hauptursache aller Verhaltensprobleme, aller psychischen Fehlentwicklungen heute, dass diese Ordnung in Deutschland verloren gegangen ist.
Ich bin zum Glück nicht der einzige, der das seit Jahren sagt. Inzwischen bestätigt das Michael Winterhoff aus seinen jugendpsychiatrischen Erfahrungen heraus:
„Wenn die Ideologie von Kindern als ‚Partnern’ nicht beendet wird, werden Kinder und Erwachsene krank und sich gegenseitig hassen“ (Klappentext, Buch 1)
Ich predige damit keiner schwarzen Pädagogik das Wort.
Wer mit dem Rücken an der Wand steht, kann nicht offen und humorvoll sein, kann sich nicht mit seinen persönlichen Stärken und Schwächen einbringen bis hin zum Ausliefern (Wesen der Liebe).
Erst die Sicherheit der Stände, das Geregeltsein der Beziehungen ermöglicht eine Öffnung der Seelen. Ein Chaos herzustellen, geht ganz leicht und mit Lust – Türme zusammen krachen lassen, „HITA 2b“ in die Luft jagen.
Wieder eine gute Ordnung in das Chaos zu bringen, dauert viel länger.
Dafür müssen wir uns als Kollegen gegenseitig stärken, uns Sicherheit geben.
Ich finde das so zynisch, so schrecklich, dieses Wolfsgesetz unter Lehrern: Wer untergeht, ist selber Schuld.
Vielleicht ist er einfach nur zu sensibel für seinen Beruf, will in Harmonie mit seinen Mitmenschen leben, will es gerne anderen Recht machen, hat nicht den Mut, anderen ins Gesicht zu sagen: Nein!
Mit einem Wort: eine gute Seele, vielleicht zu gut für dieses Leben und vor allen Dingen für die deutsche Schule?
Ich möchte aus Substanz, aus Ruhe und aus Sicherheit heraus freundlich sein und lächeln. Diese starke Freundlichkeit, diese mutige Freundlichkeit, ganz ohne die Angst, als Unterrichtschaumeister zu versagen – ist auch für die Schüler viel besser:
Sie bringt Haltung – und die kommt von Halt - , Ordnung und Profil in ihr Leben.
Wenn das funktioniert, ist das ein gottgleiches Glücksgefühl und glückliche Lehrer sind gute Lehrer - das ist wie bei den Kühen.
Ich sage als Lehrer: „Schreibt das auf!“, und siehe - es wurde ein Text: Am Anfang war das Wort, tatsächlich.
Schallwellenschlagen ist also doch gut, wenn es die richtigen tun – Gott und die Lehrer (verzeih’ mir Herr, aber du kennst ja meine ganzen Gedanken im Gegensatz zu diesen armen Kollegen, die ich jetzt irritiere und du hast Humor) und diese hoffentlich auch.
Ich hatte gesagt: Schallwellenschlagen ist also doch gut, wenn es die richtigen tun und wenn es eine pädagogische Ordnung gibt, die sichert, dass es zu wirklichen praktischen Ergebnissen führt.
Um das zu erreichen, können wir nicht jedes Mal unser Allerheiligstes, unsere Seele ausgießen.
Es gibt leider Kollegen, die das im Ernst fordern: Selbst Schuld: Du hast nicht alles gegeben, nicht deinen ganzen persönlichen Charme investiert, um die Seelen der Kinder zu gewinnen. Wenn wir das bei jeder alltäglichen Kleinigkeit tun müssen, dann sind wir bald leer.
Dann laufen wir nach 10 Tagen im neuen Schuljahr schon als leere Hülsen durch die Gegend, unruhig wie Vampire, weil wir die Liebe unserer Schüler brauchen, um uns emotional wieder aufzuladen.
Das nenne ich „emotionalen Missbrauch“, genau den gleichen, den Michael Winterhoff beschreibt, wenn Eltern ihre Kinder zu Ersatzpartnern machen.
Ja, das ist kompliziert, ich möchte auch geliebt werden von meinen Schülern, aber ich darf mein Handeln nicht danach ausrichten, ob sie mich dafür auch lieben werden.
Wenn es sich insgesamt ergibt, dass langfristig so etwas entsteht, ein tiefes, liebevolles Vertrauen – dann ist das wunderbar, aber es konnte gerade deshalb entstehen, weil ich mit meinen Kollegen zusammen das Nötige durchgesetzt habe, auch wenn es den Schülern zuerst gar nicht gefallen hat, weil ich nicht der Versuchung erlegen war, mich abzuheben von meinen „unflexiblen“ Kollegen und so ganz subtil durchblicken zu lassen, dass ich selbst seelisch jünger, einfach „cooler“ bin als sie.
Herr, ich weiß,
man muss nur lieb haben,
dann fängt alles an
zu blühen.
Sogar das Hässliche.
Sogar das Zerstörte.
Das Liebhaben ist
Deine einzige Methode.
Und ich mache die ersten Schritte
In dieser Kunst.
(Bernhard Meuser)
Bitte haben Sie mich lieb, dann werde ich aufblühen. Aber wir müssen lernen, lieb zu haben, in der ganzen Breite des Lebens, mit allen seinen Seiten: Lob und Kritik, Führung und Loslassen, Konsequenz und Großzügigkeit… - das gehört immer zusammen und kann nur voneinander leben.
Liebhaben bleibt immer die Grunddimension, der Anfang und das Ende, das A und das O, aber dazwischen müssen wir auch mal böse sein, weil das Licht nur auffällt, wenn es vorher Nacht war.
(Bitte seien Sie aber nicht zu böse zu mir.)
In bezug auf Eltern habe ich das in meinem Buch „Erziehen – aber ja!, S. 39, so ausgedrückt: „Eltern verlangen oft von ihren Kindern nicht, Fehler praktisch wieder gut zu machen, weil sie etwas Ersehntes genau wie ihre Kinder - … … sind selbst kindlich.“
Das konkrete pädagogische Wie kann auf dem ersten Blick ganz anders aussehen als das große Was – die Liebe -, zu dem es hinführen soll.
Auch der längste Weg hin zur Liebe muss mit konkreten, kleinen Schritten beginnen, die vielleicht sogar wegzuführen scheinen für den oberflächlich Blickenden von der Liebe. So manche pädagogische Konsequenz wird diesen Eindruck erwecken.
Der kürzeste Weg – sozusagen die Luftlinie - ist desto weniger der beste, je anspruchsvoller die Ziele sind. Liebe ist das anspruchvollste und schönste Ziel überhaupt.
Das wissen auch die Autobahnbauer und das weiß z.B. auch Pfarrer Kecke als Bergsteiger ganz genau: Je höher der Gipfel in desto weiter geschlungenen Windungen muss ich mich ihm nähern, im Zickzack, mit Umwegen und Abweichungen.
Unser Erdenleben hier folgt doch auch ganz anderen Gesetzen als es das ewige Leben später tut und trotzdem macht es uns genau dafür bereit.
Oder anders: Wer baden gehen will im See, kann doch nicht schon auf dem Weg dahin schwimmen.
Uns so geht es weiter im Text.
Ich könnte drei Stunden reden.
Ich werde meiner Gedanken nicht Herr durch aufgeschriebene Sätze. Es werden immer mehr Sätze, jeder gebiert neue, und ich verliere mich auf den Seitenstraßen der Gedanken.
Deswegen löse ich mich gleich vom Manuskript, komme auf die geistige Hauptstraße zurück und nehme dafür nur Stichpunkte und Überschriften, sonst wird mich Pfarrer Frey nach drei Stunden vom Pult zerren müssen.
Zuvor brauche ich immer noch ein Stück Vorrede. Wahnsinn…
Ich möchte Ihnen Gedankenfutter geben:
Wie ich das meine, will ich Ihnen am Beispiel der Festhaltetherapie von Jirina Prekop verdeutlichen.
Ich bin vollkommen dafür, aber es gibt ein Gegenbuch renommierter Pädagogen und Psychologen (Ute Benz: Gewalt gegen Kinder. Berlin 2004), die dies als Kindesmisshandlung beschreiben.
Wir müssen unser eigenes Urteilen fällen und uns dann treu sein.
Ich sage ja zur körperlichen Berührung, allerdings unaufdringlich, ungeschwätzig (körpersprachlich). Menschen wollen Zuwendung nur von dem, den sie achten, zu dem sie aufsehen.
Ich sage ja zum Festhalten von Schülern, die außer sich sind vor Wut und Verzweiflung.
Dafür brauchen wir Einigkeit zwischen den Kollegen und mit den Eltern.
Darüber sollten wir diskutieren und uns dann das Einverständnis der Eltern holen.
Was fordert unsere Zeit von uns und was können und müssen wir tun?
1. Wir müssen unsere Schüler erziehen, denn Bildung braucht das Fundament der Erziehung.
2. Erziehung braucht Beziehung
3. Beziehung braucht Treue
4. Treue braucht Mut und Stolz auf das Eigene
5. Mut braucht Sicherheit
6. Sicherheit entsteht durch die pädagogische Offensive der Lehrenden: siehe wieder 1.
„Textspäne“, die sich im eigentlichen Text nicht halten konnten
Der Apostel Paulus tröstet mich: „In uns selbst, so wie wir von Natur aus sind, ist nichts Gutes zu finden. Wir bringen es zwar fertig, das Rechte zu wollen; aber wir sind zu schwach, es zu tun. Wir tun nicht das Gute, das wir gerne tun möchten, sondern das Böse, das wir verabscheuen.“
Wer errettet uns aus diesem Wirrwarr?
Die Orientierung auf Gott!
Wie geht das aber?
Durch den menschlichen Gott, durch Jesus Christus, und durch die Orientierung auf das andere Kind Gottes neben mir, mit anderen Worten durch die Pflege unserer Geschwisterlichkeit.
Die Menschen sind geblieben, wie sie seit Jahrtausenden sind: Sie neigen zu schnellen Urteilen
Dem widerspricht nicht, dass eins gilt von Anfang an: Jeder Mensch, der sich entwickeln will, der sich auf Gott zu bewegen will, muss lernen, sich zu bekennen, auch auf die Gefahr des Irrtums hin.
Schüler dürfen und sollen ihre Gedanken und Gefühle sagen, genau wie ihre Lehrer und sie machen dann trotzdem, was diese sagen.
„Ich habe gar keine Lust, ich finde das langweilig und sinnlos.“ Der Lehrer: „Das ist für dich anstrengend und ermüdend. Das verstehe ich. Wenn du keinen konkreten Verbesserungsvorschlag hast, machst du trotzdem, was ich verlange, und zwar jetzt!“
Sonst sitzen wir in einem Teufelskreislauf fest: Schüler, die nicht selbst aktiv handeln, sind demotiviert, aber nur durch eigenes Handeln - durch das Durchhalten beim Überwinden von Schwierigkeiten und durch das Glücksgefühl, durch diese Anstrengung dann doch noch den Erfolg zu erreichen - entsteht eine langfristig tragende Motivation.
Und das alltäglich bei den unterrichtlichen Kleinigkeiten, nicht bei besonderen Projekten.
Also muss ein Lehrer ganz gelassen und ruhig sagen können: Ihr schreibt das jetzt bis zu Ende ab! Warum? Weil ich es sage! Diskutieren können wir später, jetzt wird gearbeitet! Wie gesagt: Der Appetit kommt beim Essen.
Mit Sich-Bekennen, mit Zu-sich-Stehen meine ich zunächst die ganz persönliche, individuelle Fähigkeit, das Innere – die Gedanken, die Gefühle, die Zweifel, die Ängste, die Hoffnungen, die Sehnsüchte – nach außen zu kehren, sie dem Mitmenschen und sich selbst zu zeigen.
Da sind sich Lehrer und Schüler gleich und ein Lehrer könnte z.B. sagen: „Langsam werde ich wütend, dass ihr mir nicht vertaut, dass ihr immer gleich ankommen wollt, ohne mal 5 Minuten gewandert zu sein.“
Wir müssen uns aber auch bekennen zu unserem Stand, auch das ist eine Form nötiger Treue: Der Lehrer ist der Boss im Unterricht.
Er lässt Gefühle zu, besteht aber darauf, dass seine Schüler lernen, echt zu sein, ohne andere Menschen in ihrer Würde zu verletzen.
Es ist klar, dass Erwachsene hier andere Ansprüche haben als Kinder unter sich. Wenn ein Junge beim Fußball kurz vor dem Tor den Ball verhaut, wird er sich von den anderen schon ein wütendes Wort gefallen lassen müssen.
Eine solche Bezeichnung Erwachsenen, gar den Eltern oder Lehrern gegenüber, ist aber völlig unakzeptabel.
Es ist eine Hauptaufgabe von Erziehung, Bewusstheit auch in dieser Hinsicht zu erzeugen. Die Welt ist kein ewig gleicher Brei; sie ist gegliedert und sortiert, sie hat ihre Ordnung der Liebe und das ist gut so.
Und: Der Lehrer sorgt dafür, dass es fachlich weiter geht. Schluss jetzt mit der Diskussion. Das macht ihr und Punkt.
Dafür muss allerdings erst einmal ein Inneres da sein. Und es wächst nur… genau dadurch, dass es sich zeigen kann und soll, und zwar auf eine menschliche Weise.
Philosophisch ausgedrückt, könnte ich sagen: Jeder Mensch, der nicht nur ein Objekt des Lebens sein will, dem andere bzw. mit dem andere etwas tun, muss lernen zu verstehen, wer er selber ist.
„Objektiv“ heißt außerhalb und unabhängig vom eigenen Seelischen, „subjektiv“ demnach innerhalb von sich und mit dem eigenen Seelenleben verbunden.
Die typisch menschliche, Kind-Gottes Weise, Subjekt zu sein, ist sich seiner selbst bewusst zu werden. Innezuhalten, „verweile doch, du bist so schön…“
Ich liebe Goethe, das hindert mich aber nicht zu sagen, hier, an dieser Stelle, lieber Johann Wolfgang, hast du nicht Recht. Wer verweilt und innehält im rasenden Lauf der Zeit ist nicht des Teufels – im Gegenteil.
Subjekt hat Goethe vor allem als „Täter“ oder sagen wir unvoreingenommener als „Tuer“ gemeint:
Hammer oder Amboss sein. Für ihn war der Handelnde, der etwas tut, das Subjekt, im Gegensatz zu dem, (mit) dem etwas getan wird.
Das stimmt, wir wollen auch Handelnde sein und unsere Schüler dazu befähigen, nicht passives Objekt des Lebens zu bleiben.
Aber es reicht nicht, sie das aktive und wirksame Handeln zu lehren.
Wichtiger ist nach meiner Überzeugung die andere Seite des Subjektiven, weil sie dem Subjekt als handelndem Täter erst die nötige geistige Orientierung gibt.
Das geht, weil wir keine Zirkustiere sind, nur mit der anderen Seite des Subjektiven: Gottähnlichkeit wächst nur durch ein Innerhalb- von-sich-Sein, durch ein Sich-seiner-selbst-bewusst-Werden, denn eine Beziehung braucht immer eine Klarheit der Pfeiler, erst recht die zwischen Gott und den Menschen.
Aber natürlich auch schon zwischen den Menschen. Wir müssen uns unserer Konturen als Lehrende klar werden. Wir haben einen anderen sozialen Platz im Leben als unsere Schüler. Ich will mich zu ihnen hin öffnen, intensive Beziehungen zu ihnen aufnehmen, aber dazu muss ich wissen, wo ich stehe, wer ich selbst bin.
Das ist mit 57 schon gar nicht mehr so leicht. Aber zum Glück gehöre ich noch nicht zu den Menschen, die heimlich ihren PA herausholen müssen, um nachzugucken, wie sie heißen.
Also nutzen wir die Zeit der Klarheit, so lange wir sie noch haben, nutzen wir sie vor allem, um unsere Klarheit, unser Bewusstsein über uns selbst zu schärfen.
Gott weiß schon immer, wer er ist und was er ist. Wir brauchen ein ganzes Leben, dass sich die Nebel verziehen, und wir es von uns erkennen können.
Dann, wenn die Menschen Kinder sind, wenn ihre Seelen noch so beeindruckbar sind wie der Asphalt in der Hochsommersonne, gerade dann sollten sie die nötigen Schübe dafür bekommen, denn sich seiner selbst bewusst zu werden, ist nicht leicht.
Das ist dieser berühmte schmale Weg der Bibel. Der breite ist der der Sünde, den die Masse geht. Er bedeutet einfach so dahinzuleben, sich mitreißen und treiben zu lassen von dem, was die Gegenwart gerade so an ihren eigenen Wichtigkeiten hochschießt, einem Feuerwerk ähnlich, das bald vergessen ist.
Wir wollen das und uns bewusst einordnen in den Lauf der Zeiten. Das ist ein hoher Anspruch. Wir müssen ihn mindestens stellen, wenn wir ihm schon nicht gerecht werden können.
Der heilige Geist ist der größte Feind des Zeitgeistes. Unsere Aufgabe ist es, uns selbst und unsere Schüler aus der Beschränktheit seiner Gefühls- und Denkfenster zu befreien. Das geht nur, indem wir uns auf uns selbst besinnen, dann wird uns der Schwachsinn moderner Denkweisen, die “in“ sind, deutlich werden.
Es ist z.B. sehr leicht für die heutige Jugend, sich darüber zu mokieren, wie dumm ihre Groß- oder Urgroßeltern gewesen sein müssen, auf einen solchen Schreihals wie Adolf Hitler heranzufallen.
Ist das Gekreische von heute, wenn die Jugend irgendeinem Popidol begegnet, wirklich so viel besser? Würden sie ihm nicht genauso folgen, wohin auch immer, wie die Jugend von damals?
Jeder ist in seiner Jugend so liebes- und glaubensbedürftig. Und jede Zeit hat andere Versuchungen und Gefahren, und es ist so „süß“ – Entschuldigung, wenn mir kein anderes Wort dafür einfällt – wie offen die jungen Menschen dafür sind.
Unsere Chancen sind am größten, wenn wir als bewusst Lehrende in die Offensive kommen. Die 2 Seiten des Subjektiven gehören zusammen: Reflexivität alleine nutzt nichts, genauso wenig wie das aktive Handeln allein. Der Geist braucht die Macht und umgedreht.
Was hatte Gott für eine Wahl: Wenn er uns öffnet für die Liebe, wenn er uns so berührbar macht für sie, dann dringen starke Gefühle auch dann in uns ein, wenn sie böse sind, dann kann das Böse im Namen der Liebe haften bleiben in der Seele.
Nein, wir können uns dem Bösen gegenüber nicht steril verschließen. Wir als Lehrer müssen diesen „Seelenverkehr“ regeln, aufpassen, dass mehr Liebes als Böses andockt – Offensive, Kraft, Macht.
Für ein Pferd reicht ein Stück Zucker und ein lobendes Klatschen auf den Hals: „Hast du brav gemacht“ oder die Peitsche, wenn es ungehorsam ist. Es muss und kann sein Handeln nicht aus einer bewussten Einsicht ableiten, das bleibt den Menschen vorbehalten, Gottes Kindern, die auf dieser Welt zu seinesgleichen heranwachen sollen.
Für mich ist dieses Maß des Gottgleich-Werdens direkt verbunden mit dem Wachsen der Fähigkeit zu innerer Reflexivität, dass wir die Welt sozusagen anhalten können, auf uns selbst von oben schauen, innehalten und unser Tun deuten, aus den Fehlern, die wir sowieso immer wieder machen, lernen, damit ihre Dichte im Laufe des Lebens dann doch langsam abnehmen kann.
Sie, liebe Kollegen, denken selbst, genau wie unsere Schüler das lernen sollen. Ich bewerte niemals die Meinung meiner Schüler, aber sehr wohl ihre innere Logik, innere sachliche Fundiertheit, den Fleiß, sie gebildet zu haben, und die Sorgfalt, sich über Gegenargumente informiert zu haben, auch wenn sie sie nicht teilen wollen.
Das muss gegenüber Kollegen erst recht gelten.
Die emotionale Wertung kommt hinterher, sie ist sowohl in die eine Richtung möglich wie auch in die andere.
Dafür brauchen wir beim Steigen, beim Klettern aufwärts durch die Welt, Gedanken-Plateaus, stabilisiert durch Wort und Sätze, von denen wir immer wieder ausgehen können.
Dazu will ich mit diesem Vortrag beitragen. Und die Gedanken sind so flüchtig. Sie leuchten kurz in ihrem Kleid aus Schallwellen auf und weg sind sie wieder, verglüht.
Mir geht es jedenfalls so, ich vergesse zunehmend meine eigenen Gedanken.
Deswegen steht dieser Vortrag hier auf meiner Internetseite.
Leipzig, am 1. August 2009
Die folgenden Artikel bzw. Vorträge sind im März 2009 in meinem 3. Buch "Pädagogisch inkorrekt: Erziehungsnotstand in Deutschland, Ursachen und Lösungen" erschienen (2. Auflage, April 2009) - siehe im Kasten links unter "Bücherbestellungen".
Deshalb habe ich hier nur noch die Anfänge dieser Redemanuskripte stehen gelassen. Eine Ausnahme macht mein "Offener Brief" vom Sommer 2006. Da es ein an alle gerichteter Brief ist, bleibt er hier auch vollständig lesbar.
3. Die Urform dieses Beitrages wurde veröffentlicht in "Der Leipziger Lehrerverein 1846 bis 2006 - Festschrift zur Feier des 160jährigen Bestehens", Leipzig, am 28.01.2006. Leipziger Lehrerverein e.V. im Verband Bildung und Erziehung, Gesamtverband der Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher. Dabei handelt es sich um eine vereinsinterne Schrift.
Dieser Text ist eine deutlich erweiterte Bearbeitung der ursprünglichen, in der Festschrift veröffentlichten Fassung.
Februar - April 2006
Bitte brrr!
Oder: Eine gute Lehrer-Lehrer-Beziehung ist die Grundlage und Voraussetzung guter Lehrer-Schüler-Beziehungen
Sich um gute Lehrer-Lehrer-Beziehungen zu kümmern, das muss, glaube ich, heute der Schwerpunkt der Arbeit eines Lehrervereins sein. Ich komme durch zwei erzieherische Grundzusammenhänge darauf, für die ich Jahre meines Berufslebens brauchte, sie zu verstehen. Die erste stammt von Anton Semjonowitsch Makarenko, dem berühmten ukrainischen Pädagogen, von dem es übrigens in Westdeutschland schon immer eine umfangreichere Werkausgabe in Deutsch gab, als sie die DDR jemals zustande brachte. Er hat in seinen Erzählungen beschrieben, wie in der Sowjetunion der zwanziger und dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts in seiner Kommune trotz der zunehmenden Stalinisierung der Gesellschaft aus verwahrlosten und kriminellen Jugendlichen junge tatkräftige Menschen mit Gemeinsinn und Verantwortungsbewusstsein wurden.
Mich beseelte der Gedanke, selbst einmal etwas Ähnliches zu leisten. Ich war mir sicher: Erziehung ist eine heldenhafte, aufopferungsvolle Arbeit, zu der erfolgreich nur Idealisten, gute und edle Menschen (wie ich) in der Lage sind. Es irritierte mich sehr und beleidigte meinen Berufsstolz, als ich bei ihm irgendwann lesen musste: "Erziehen ist eine sehr leichte Aufgabe, Erziehen ist eine beglückende Aufgabe. Keine andere Arbeit ist so leicht, gewährt eine so außerordentlich große, fühlbare, reale Befriedigung wie die Erziehungsarbeit..." /1/ Das konnte nur ein Irrtum sein, ein Lapsus. Aber nein, er hatte dies im Rückblick auf sein gesamtes pädagogisches Schaffen geschlussfolgert. Ich verstand die Welt nicht mehr, und am liebsten hätte ich dafür sorgen wollen, dass dieses rätselhafte Missverständnis nicht allzu bekannt wird, um die Bedeutung der Erziehung in der Gesellschaft nicht zu mindern und idealistische Pädagogen und die, die es werden wollten, nicht zu irritieren.
...
4. Ein Volk ohne kulturelles Selbstbewusstsein ist erziehungsgeschwächt
Günther Oettinger, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Mitglied
der CDU, erklärte laut "Sprachnachrichten" Nr. 29 / Februar 2006, S. 12 (www.vds-ev.de)
in einem Interview mit dem Südwestrundfunk: "Englisch wird die Arbeitssprache.
Ich glaube, jeder - egal ob Facharbeiter an einer Werkzeugmaschine, ob Geschäftsführer
oder ob er Zahlen oder Anleitungen liest - muß Englisch verstehen und Englisch
sprechen können. Deutsch bleibt die Sprache der Familie, der Freizeit, die
Sprache, in der man Privates liest."
Ich habe ihm in einer E-Mail am 13.02.06 folgenden Brief geschrieben:
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Oettinger,
ich bitte Sie um Entschuldigung, daß ich meine E-Mail noch auf Deutsch an
Sie schreibe, obwohl ich, wenn ich auf der Höhe Ihrer Zeit wäre, Deutsch ja
nur in meiner Familie in bezug auf Privates benutzen sollte. (Ich beziehe
mich auf Ihr Interview mit dem Südwestfunk.)
Wer als führender Politiker einer Nation, deren Bewohner die Sprache als Muttersprache sprechen, die mit großem Abstand in der EG am weitesten verbreitet ist und die dort obendrein am zweitmeisten von Ausländern als Fremdsprache gelernt bzw. gebraucht wird, meint, diese eigene Sprache sei zugunsten von Englisch nur für den privaten Hausgebrauch zu verwenden...
5. Laßt meine Oma Gertrud ran (1)
April 2006
Lehrer fürchten sich vor ihren Schülern. Woran kann das bloß liegen? Kompliziert, kompliziert. Da werden wir wohl noch ein paar hundert Professorenstellen für Pädagogik brauchen. Jedes Kind bei uns braucht bald seinen persönlichen Pädagogen, Kinder mit Migrationshintergrund zwei, denn deren Lage ist ja doppelt schwer. Und die Pädagogen brauchen alle ihren Professor oder meine Oma Gertrud. Sie ist inzwischen über 80, war Lehrerin und hat drei Kinder großgezogen. Ihre Kinder haben "gespurt", wie sie es sagt, sie sind ihren Weg gegangen, und auch die meisten ihrer Schüler waren in der Regel, die durch Ausnahmen bestätigt wird, aufmerksam, höflich und fleißig. Bücher über Erziehung hat sie kaum gelesen. Das war nicht ihr Problem.
...
-nach oben-
6. Laßt meine Oma Gertrud ran (2)
April 2006
Für Kenner der Pädagogik hätte ich diese Reihe auch nennen können: Wie meine Oma Gertrud ihre Achtundsechziger lehrt. Sie ist über 80, hat vierzig Jahre als Grundschullehrerin gearbeitet. Sie hat was zu sagen zum Desaster unserer Schulen. Und das kostet meinen Ministerpräsidenten keinen Pfennig, er muß gar nichts dazu bezahlen. Die deutschen Achtundsechziger, die mit ihrer Kulturrevolution vielen, die intellektuell sein wollen, alles das aus den Hirnen geblasen haben, was irgendeine bürgerliche Sicherheit des Lebens verhießen hat, egal ob es gut oder schlecht war, gucken ja gern "über den Tellerrand".
...
7. Liebe und Strenge – gehören zusammen bei der Erziehung
Wunschdenken richtet die Schule zugrunde
Juli 2006
Der Mensch ist gut, aber auch böse - von Natur aus. Wir alle wollen gewinnen - ich jetzt auch mit diesem Artikel -, Erster sein, nicht warten auf die Befriedigung unserer Bedürfnisse, viele wollen andere auch unterkriegen und beherrschen. Das alles ist menschlich und nicht schlimm, wenn es eine Gemeinschaft (Familie, Schule, Nation, Religion) gibt, die eine Kultur hat und haben will. Die sich traut, klipp und klar zu sagen: Das ist gut. Das darfst du und das sollst du; das ist schlecht, das darfst du nicht. Aus diesem Wissen könnten unsere Kinder ihr Gewissen bilden.
...
8. Offener Brief: Bitte geben Sie Lehrern und Pädagogen den nötigen erziehungspolitischen Rückhalt – Gehen Sie in Sachsen mit gutem Beispiel für Deutschland voran
15. August 2006
Herrn Steffen Flath,
Sächsischer Staatsminister für Kultus
Postfach 100 910
01079 Dresden
Frau Helma Orosz,
Sächsische Staatsministerin für Soziales
Albertstraße 10
01079 Dresden
Sehr geehrte Frau Staatsministerin, sehr geehrter Herr Staatsminister,
ich bin Pädagogischer Psychologe und Erziehungswissenschaftler. Meine Brötchen verdiene ich mir hauptsächlich als freiberuflicher Verkehrspsychologe. Als Pflegevater eines 15-jährigen Lernförderschülers und Autor der Kolumne "Erziehen? Aber ja!" in der Sächsischen Zeitung habe ich regelmäßig Kontakt mit der Schulrealität in Sachsen. Ich wusste, dass die Lage schwierig ist, wobei ich überhaupt nicht von Schulmodellen, Lehrplänen oder anderen didaktischen Fragen rede. Mir geht es ein-zig und allein um das Sozialverhalten der Schüler als Grundlage von allem Weiteren und als Nadelöhr, durch das alle bildungsbezogenen Maßnahmen hindurch müssen, wenn sie eine positive Wirkung haben sollen. Ohne Erziehungspolitik kommt in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft die beste Bildungspolitik nicht zur Geltung.
Der Zufall wollte es, dass ich die Gelegenheit erhielt, auf Teilzeitbasis intensive Erfahrungen bei der Leitung eines Verbundes Erzieherischer Hilfen zu sammeln. Ich musste dort nach zehn Tagen wieder kündigen, weil ich die Verantwortung für massive, z.T. kriminelle Regelüberschreitungen in einer "alltagsweltbezogenen" Jugendwohngruppe ohne die Möglichkeit, tatsächlich etwas dagegen zu tun, nicht länger tragen konnte.
Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit darauf richten, dass gesellschaftliche Organisationen als Träger solcher Einrichtungen aus finanziellen Gründen ihren pädagogischen Mitarbeitern verweigern, Jugendliche, die sich in keiner Weise an die Hausordnung halten, letztendlich der Wohngruppe zu verweisen. Es spielt sich ein erbitterter Konkurrenzkampf um die – knapper gewordenen - Jugendlichen ab, der für ihre Persönlichkeitsentwicklung und die der anderen beteiligten Jugendlichen verheerende Aus-wirkungen hat. Ich fürchte, man muss solche "betreuten Wohngruppen" als Intensivbrutstätten jugendkriminellen Verhaltens bezeichnen.
In meinem Fall ging es unter anderem um einen 15-jährigen Jungen mit ca. 70 aktenkundigen Straftaten. Er rastete bei jeder Kleinigkeit aus und bedrohte andere Jugendliche und Kinder ebenso wie Lehrer und Sozialpädagogen. Dabei kam es wiederholt auch zu tatsächlichen Gewalthandlungen. Der Jugendliche hatte im Frühjahr bereits eine Verhandlung vor dem Jugendgericht. Er ist auf Bewährung verurteilt und ihm wurde angedroht, dass die Strafe bei der nächsten Kleinigkeit vollstreckt wird. Inzwischen ist er bereits dutzende Male aufgrund neuer Straftaten von der Polizei in die WG zurückgebracht worden. Das Jugendamt ist über diese Entwicklung informiert. Es wird ihm jedes Mal neu eine "letzte Chance" gegeben. Die Geschäftsführung des Trägerverein verhindert mit scheinhumanistischen Argumenten – wir dürfen keinen Menschen aufgeben und zurücklassen, so sind die Kinder heute nun einmal usw. -, dass endlich den Worten Taten folgen.
Selbst einfachste Disziplinarmaßnahmen in der Wohngruppe wie Fernsehverbot sind unmöglich, weil die betroffenen Jugendlichen dann randalieren und die Betreuer neben ihrem alltäglichen Stress keinen anderen Weg zur "Deeskalation" wissen, als wieder nachzugeben. Es bleibt ihnen auch wirklich nichts anderes übrig, wenn sie allein eine Nacht in der Wohngruppe überstehen wollen. Rauchen im Haus ist selbstverständlich. Es gibt kaum noch Türen, die nicht beschädigt sind. Möbel werden innerhalb kurzer Zeit ramponiert. Die Jugendlichen dafür materiell verantwortlich zu machen, lässt sich schön sagen, ist aber unter den beschriebenen Bedingungen nicht möglich, weil nicht die Jugendlichen, die sich an die Regeln halten wollen, und die Betreuer am längeren Hebel sitzen, sondern die Gewalttäter, die nach so viel Konsequenzlosigkeit in ihrem subjektiv gefühlten Rechts- bzw. Unrechtsbewusstsein inzwischen völlig fehlgeleitet sind. Nach den Gesprächen, die ich mit mehreren Sozialpädagogen geführt habe, die ebenfalls als Betreuer in anderen Wohngruppen beschäftigt waren oder sind, sind diese Zustände nicht die Ausnahme, sondern die Regel in Sachsen und – so weit ich das übersehen kann - in Deutschland.
Ich habe persönlich erlebt, dass sich die Sozialpädagogen in einer grandiosen Defensive befinden. Sie sind ständig damit beschäftigt, eskalierenden Situationen hinterher zu rennen, darum zu buhlen, dass ihnen der gerade in Aktion getretene Täter einen Moment Aufmerksamkeit schenkt, damit sie das Schlimmste jedes Mal gerade noch verhindern können. Junge Menschen lernen besonders schnell. Sie lernen, dass sie sich nur möglichst unsozial verhalten müssen, um in den Genuss besonders intensiver, nämlich verzweifelter Zuwendung zu kommen. Wer würde nicht immer noch ein bisschen mehr davon erzwingen wollen, wenn er – anfangs ungläubig, dann mehr und mehr überzeugt - merkt, dass das tatsächlich funktioniert? Wenn Sie einwenden, dass Pädagogen so schon immer um schwierige Kinder ringen mussten, übersehen Sie, dass dies auf einem ganz anderen gesellschaftlichen Hintergrund geschah, nämlich dem der unbezweifelten Dominanz der älteren Generationen. Da ließ sich dann gut auf Macht verzichten. Das führte bei den Jungen zur Bewunderung der Alten, die das taten, zu Dankbarkeit ihnen gegenüber, und es entstand die Bereitschaft, von ihnen allein positive Denk– und Handlungsangebote anzunehmen. Das ist nicht mehr so, wenn dieses Handeln alternativlos ist, wenn der gesamte gesellschaftliche Hintergrund durch erzieherische Ohnmacht und Defensivität bestimmt ist. Liebe wird dann entwertet und verachtet, weil sie sich immer wieder als schwach und hilflos erweist.
Die Leistungsbewertung ist das letzte verbliebene Disziplinarmittel. Sie wird in diesem Sinn überbeansprucht und missbraucht, weil Lehrer über keine anderen Machtmittel verfügen, sich Respekt zu verschaffen. Das vergiftet die Atmosphäre zusätzlich, ganz abgesehen davon, dass eine Fünf oder Sechs im Fach nur bei denen disziplinierend wirkt, die sowieso - noch – ein grundsätzliches Interesse an der Schule haben. In den wirklich schwierigen Fällen, in denen erzieherische Macht erst einmal eine grundsätzliche Bereitschaft zum Gespräch herstellen müsste, verpufft die pädagogische Wirkung dieser Ersatzdisziplinierung und macht die betroffenen Schüler noch gleichgültiger gegenüber den Bewertungen durch ihre Lehrer. Was bleibt, ist Resignation, da Pädagogen nicht Jahre lang wie frisch Verliebte arbeiten können.
Sehr gehrte Frau Staatsministerin, sehr geehrter Herr Staatsminister, bitte halten Sie es nicht für billige Polemik: Als Fachmann und kurzzeitiger Quereinsteiger mit nicht betriebsblindem Blick ist mir aufgefallen, dass viele pädagogische Betreuer inzwischen die Mentalität dauerhaft misshandelter Kinder entwickelt haben. Sie kennen es nicht anders, sie denken, dauernde Demütigungen und Verachtung müssen sein und gehören nun einmal zu ihrer sozialen Position als Pädagoge. Von der Geschäftsleitung wird ihnen gesagt, Sie wollten schließlich diesen Beruf ergreifen, Sie haben das studiert und einen Deeskalationskurs besucht. Andere Kinder haben wir nicht, sie müssen mit ihnen zurechtkommen. Und in der Tat fragt sich eine Teamleiterin dann ganz besorgt, wie es kommt, dass der besonders schwierige Junge einen "guten Draht" zu der einen Kollegin hat und zu den anderen nicht. Nicht sein kriminelles Verhalten ist falsch, zu dem auch Phasen gnädiger Gutgelauntheit und Zeichen der Huld gegenüber ausgesuchten Personen gehören, die sich besonders gut seinen Bedürfnissen und Ansprüchen angepasst haben, sondern die anderen Pädagogen sind selbst Schuld, wenn sie bedroht und gedemütigt werden.
Ein Hauptargument gegen erzieherische Stärke und Konsequenz – nur starke Eltern und Pädagogen können Kindern und Jugendlichen helfen, weil es ein sozialpsychologisches Grundgesetz ist, dass sich Menschen nur von den Mitmenschen beeindrucken und raten lassen, die nicht noch hilf- und orientierungsloser sind als sie selbst – ist: Was ist die Alternative? Soll er ins Jugendgefängnis? Im Knast ist noch keiner besser geworden! Im Gegenteil.
Wir müssen endlich damit aufhören, Erziehung und Strafe gegenüberzustellen und so zu tun, als wenn die Strafe nur zur Justiz gehören würde, die Pädagogik aber ausschließlich mit Mitteln der Bestärkung auskommen muss. Ohne Strafen kann man Menschen nicht erziehen, noch lange bevor ihr Verhalten justiziabel wird. Wirklichkeit minus Wunschdenken ist: Nicht einmal Erwachsene, z.B. Autofahrer, können allein mit positiven Mitteln beeinflusst werden, geschweige denn, unerfahrene "Lebensanfänger", die schon allein von dieser ihrer Natur aus oft über die Stränge schlagen. Dieses Problem hat sich in einer Gesellschaft potenziert, die für die größere Lebensleistung nicht das Gut-alt-geworden-Sein hält, sondern das Noch-jung-Sein. Dazu kommt, dass Kinder heute – zurecht - ermutigt werden, zu ihren eigenen Gedanken und Gefühlen stark und direkt zu stehen. Das ist richtig und wichtig. Diese Freiheit braucht aber klare Außengrenzen, die wirklich gesichert werden können. Ohne Strafen, die tatsächlich spürbar sind und deren praktische Auswirkungen weit den Kitzel des Aufmerksamkeitsgewinns übertreffen, ist das nicht möglich.
Ich begrüße die Möglichkeit, die im Sächsischen Schulgesetz geschaffen wurde, Schüler, die sich als ermahnungs- und beratungsresistent erwiesen haben, wegen sozialen Fehlverhaltens bis zu vier Wochen vom Unterricht zu suspendieren. In der Jugendhilfe herrscht darüber zwar helle Empörung, weil die schwierigen suspendierten Schüler, die sie so gern wenigstens am Vormittag losgeworden wären, nun plötzlich wieder in den Wohngruppen oder Heimen sind und den Erziehern dort das Leben schwer machen. So entsteht zwar eigentlich ein Zwang, sich mit ihnen auseinander zu setzen, ihr Fehlverhalten zu thematisieren. Das allerdings ist nachhaltig unter den beschriebenen pädagogischen Rahmenbedingungen nicht möglich, genauso wenig wie bei den Eltern, die nie den Anspruch hatten, ihre Kinder zu erziehen oder die sich inzwischen selbst vor ihnen fürchten. So geht die unwürdige Hin- und Herschieberei weiter – keiner will sie haben, was für die betroffenen Schüler mit einem massiven Selbstwertverlust verbunden ist.
Mein Vorschlag: Jede Schule verpflichtet solche Schüler zu straffen Trainingskursen sozialen Verhaltens in der Schule, und zwar rechtzeitig, bevor sich ihre Gemeinschaftsunfähigkeit verfestigt hat, eigene Bedürfnisse mit den Interessen der Mitmenschen in Einklang zu bringen. Klare Ansagen, klare Erwartungen, kein Buhlen darum, dass jeder Schüler das einsieht und von vornherein "motiviert" dafür ist. Dafür sollten Lehrerarbeitsstunden genutzt werden, die aufgrund der sinkenden Schülerzahlen frei geworden sind. Die suspendierten Schüler arbeiten hier an einem verlängerten Schultag zugleich konzentriert die Grundlagen des Unterrichtsstoffes ab, den sie verpasst haben. Das funktioniert nur und entwickelt sich nicht zu einem Papiertiger, der die betroffenen Kinder und Jugendlichen ein weiteres Mal in ihrer Lebenserfahrung bestärkt, dass sie nur renitent genug sein müssen, um ihren Willen durchzusetzen, wenn folgender Zusatz verbindlich mit beschlossen wird: Wer sich trotz Warnung und Abmahnung nicht ernsthaft bemüht, muss diesen Kurs in einer stationären Einrichtung wiederholen, die in jeder großen sächsischen Stadt eingerichtet wird: Je nach Bemühen zwischen zwei und acht Wochen lang. (Ich mache Ihnen gern Vorschläge, wie solche Trainingskurse aufgebaut sein könnten.)
Die Eltern und ihre jugendlichen Kinder werden an den Kosten durch einen BAFÖG-ähnlichen Kredit und/oder durch eigene Arbeit im Rahmen des Trainings beteiligt. Endlich könnten die Jungen die Alten ernst nehmen, sich an ihnen reiben, sich in der Auseinandersetzung mit ihnen entwickeln. Und dann wären sie auch wirklich motiviert, sich sehr aufmerksam an den Gesprächen zu beteiligen, in denen es darum geht, welche Verhaltensziele sie bereits erreicht haben und welche nicht. Die Veränderung von unsozialen Einstellungen und Gewohnheiten, die über lange Zeit immer wieder bestärkt und verfestigt wurden, gelingt dann nur noch mit starkem Leidensdruck. Wenn die natürliche Kleinkind-Egozentrik, die es immer gab und geben wird, mit einer allgemeinen, gesellschaftstypischen Egozentrik – die Welt ist dazu da, damit ich mich frei entfalten kann – zusammenkommt, wird es so schlimm, wie es geworden ist.
Die westliche und vielleicht insbesondere deutsche Illusion von einem ewig andauernden Menschenrecht auf Lustbefriedigung - und zwar sofort -, kann nicht sanft umgebogen werden. Sie wird und muss platzen, entweder auf tragische Weise durch die Globalisierung, Naturkatastrophen u.ä. oder auf kontrollierte Weise durch eine bewusste Erziehung, für die ich hier eintrete und die zur Bewältigung der großen Herausforderungen der Zukunft beitragen könnte. Die älteren Kinder und Jugendlichen zahlen heute in Deutschland die "Zeche" dafür, dass der Zeitgeist ihre Eltern und Lehrer entmutigt und verunsicherte hat(te), sie als junge Kinder in der Phase ihrer Persönlichkeitsentwicklung entschlossen und konsequent zu erziehen, als das noch gut und leicht möglich gewesen wäre. Umerziehung ist immer viel leidvoller als Erziehung. Umso wichtiger ist es, rechtzeitig mutig, liebevoll und konsequent zu erziehen.
Wer nicht in der Lage oder willens ist, den stationären Kurs erfolgreich zu absolvieren, müsste dann im Interesse einer immer noch vorhandenen Mehrheit lernwilliger Kinder und Jugendlichen als zur Zeit nicht schulfähig betrachtet werden. Dies muss für alle staatlich subventionierten Bildungsgänge – auch für die berufsvorbereitenden und –orientierenden z.B. des Arbeitsamtes – gelten. Bildung muss wieder ein gefragter, im hohen Ansehen stehender Wert werden, der nicht sowieso und immer wieder jedem "hinterher geworfen" wird, egal ob er das zu schätzen weiß oder nicht. Ihre Schulfähigkeit können Betroffene jederzeit wiederherstellen, wenn sie nochmals freiwillig und auf ihre Kosten den stationären Verhaltenstrainingskurs mit Erfolg absolvieren, bei entwickelter Reife in der kürzestmöglichen Form von zwei Wochen. Nachdem jahrzehntelang in Deutschland – in West wie in Ost - die Mentalität gepflegt wurde, dass "die" was zu machen hätten, wenn das persönliche Leben von Menschen, die schon lange keine kleinen Kinder mehr sind, misslingt, muss die moralische Welt vom Kopf wieder auf die Füße gestellt werden: "Ich bin für den Erfolg oder Misserfolg meines Lebens selbst verantwortlich! Als gesunder Mensch muss ich die Initiative ergreifen, wenn ich Probleme habe! Dann habe ich auch ein Recht auf die Hilfe der Gesellschaft."
Sehr geehrte Frau Staatsministerin, sehr geehrter Herr Staatsminister, ich bin überzeugt, dass sich so die Intensität des Lernens an den sächsischen Schulen in einem qualitativen Sprung erhöhen ließe. Ich bin für ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern und unter ihnen. Junge Menschen müssen ebenso wie ihre Lehrer lernen, ihre Gedanken und Gefühle offen und direkt auszudrücken. Aber das Seelische ist so verletz- und irritierbar, dass es unbedingt des Schutzes durch Umgangsformen bedarf, die durch Erziehung gesichert werden müssen. Die positiven Effekte neuer Unterrichtsformen wie das selbständige und schöpferische Lernen in kleinen Gruppen, Freiarbeit und Projektlernen können nur auf der Grundlage pädagogischer Ordnung und Sicherheit im Kernbereich menschlicher Beziehung – gegenseitiger Respekt und gegenseitige Achtung (Kopfnote: Betragen) – vollständig zur Geltung kommen. Eine in diesem Sinn "strenge" Erziehung und eine progressive Didaktik schließen sich daher nicht aus, sondern gehören – genau genommen – sogar zusammen, sind Entfaltungsbedingung füreinander.
Bitte geben Sie Schülern, denen unsere Gesellschaft bisher die bitter nötige Konsequenz beim Erlernen des sozialen Verhaltens verweigert, eine Lebenschance und mit ihnen den vielen ihrer Mitschüler, Eltern und Pädagogen, die unter ihrer Unerzogenheit z.T. massiv leiden.
Mit freundlichen Grüßen
Ralf Hickethier
Norbert Westhof aus Radevormwald (NRW), Lehrer für Philosophie und Deutsch(e Literatur und Sprache), hat im März 2009 ebenfalls einen offenen Brief geschrieben ("40 Jahre danach. An alle Lehrer nicht nur Deutschlands"). Wir beide finden, dass wir uns in unseren Ansichten gegenseitig ergänzen.
Lesen Sie seinen Brief hier:
Zugleich empfehle ich auf seiner Internetseite sehr den "Bereich Textkommentierungen". Die dort wiedergegebenen und kommentierten Beiträge von Prof. Dr. Klaus Berger ("Aufbruch zu einer christlichen Kulturrevolution" und von Ricarda Huch (das Kapitel "Freiheit" aus ihrem Buch "Urphänomene", Zürich und Freiburg i. Breisgau 1946) halte ich für hochinteressant.
9. Wirksame Erziehung ist das A und O erfolgreicher Bildung heute in Deutschland – Chancen und Grenzen für eine Erziehungsoffensive in Sachsen
Sächsischer Mittelschultag des Sächsischen Lehrerverbandes und des Verbandes Bildung und Erziehung Sachsen in Dresden am 23. September 2006
Liebe Kollegen,
es ist ein Dilemma der Welt, dass nicht nur zwischen dem Geist und der Macht eine Kluft besteht, sondern auch zwischen dem Geist und den Worten.
Vor diesem Dilemma stehe ich, und das macht mir ein wenig Angst. Habe ich meine Gedanken so geordnet, dass ich Sie Ihnen ohne große Übertragungsverluste darstellen kann?
Missverständnisfallen stehen besonders eng, wenn es um Seele-Seele-Beziehungen geht, von denen die Erziehung ja nur ein Sonderfall ist.
Nun habe ich unerwarteten Rückenwind bekommen. Der Herr Bundespräsident war so nett, in einer Art Vorprogramm zum Sächsischen Mittelschultag am Donnerstag auf die Bedeutung der Erziehung, insbesondere der elterlichen, für den Schulerfolg hinzuweisen.
Zum anderen das Buch von Bernhard Bueb, ehemaligem Leiter der Internatsschule Salem, "Lob der Disziplin". Er hat Beziehungen in dieser Westgesellschaft, konnte dem Spiegel ein Interview geben, ist bei Kerner aufgetreten. Er sagt genau das Gleiche, wie ich in meinem 1998 erschienen Buch "Mut zum Ganzen: Ordnung und Freiheit. Denkanregungen für Eltern und Pädagogen, die es noch nicht aufgegeben haben, ihre Kinder / Schüler erziehen zu wollen".
Aber ich bin aus dem Alter heraus, beleidigt zu sein. Es ist gar nicht wichtig, wer was sagt, Hauptsache, es wird überhaupt gesagt. "Allein Gott die Ehre" – mit diesem Gedanken bekämpfe ich übrigens auch mein großes Lampenfieber vor solchen Vorträgen. Und immerhin bin ich auch dankbar, dass ich in der Sächsischen Zeitung seit Jahren für strenge Erziehung und Disziplin plädieren darf.
Das war sogar zu DDR-Zeiten, entgegen verbreiteten Vorurteilen gar nicht so eindeutig angesagt. Ein Lektor vom Volk und Wissen Verlag machte ein Fragezeichen an dieser Stelle im Manuskript und schrieb "konsequent" darüber. "Konsequente Erziehung" ging ja noch, aber strenge?
Wir Menschen haben Angst vor den Extremen. Wir wollen schön ausgewogen sein. Ich allerdings bin nicht nur erzkonservativ, ich bin auch "erzprogressiv", denke z.B. dass Eigenverantwortung und Selbstverwaltung von Lehrern und Schülern und ihren Schulen eine viel größere Rolle spielen müssten und dass auch unorthodoxe Formen des Unterrichts wichtig sind.
Allerdings erst, wenn die orthodoxen gelingen.
...
10. Vom Erziehungsnotstand in die Erziehungsoffensive?!
Man wird doch wohl noch mal träumen dürfen.
Vortrag auf dem 4. Mittelsächsischen Lehrertag des Sächsischen Lehrerverbandes im VBE am 3.2.2007 in Dresden
Einerseits, liebe Kollegen, müssen wir auf der Hut sein, vor der Diktatur. Extremismus darf nicht die Freiheit bedrohen.
Andererseits wird gerade auf dem Gebiet der Pädagogik heute in unserer Gesellschaft sehr genau festgelegt, was korrekt, denk- und sagbar ist, den Fachstandards entspricht und was nicht.
Freiheit des Denkens oder nicht? Wie weit kann und soll sie gehen? Gilt sie nur innerhalb eines abgesteckten Pfades der Political Correctness, die sich auf das Pädagogische durchbricht? Das widerspräche dem Wesen der Kreativität, das im Sprengen der Konventionen, in der Grenzüberschreitung des üblicherweise Gedachten und Gesagten besteht.
Lassen Sie uns frei und offen denken, wie sich das für selbstbewusste Menschen gehört. Wir wollen und müssen als Lehrer Vorbilder für unsere Schüler sein, und Selbstbewusstsein ist unbestreitbar ein primäres Erziehungsziel.
Dieser Vortrag, den ich heute hier halte, ist eine Fortsetzung meines Vortrages „Wirksame Erziehung ist das A und O erfolgreicher Bildung heute in Deutschland – Chancen und Grenzen für eine Erziehungsoffensive in Sachsen“ auf dem Sächsischen Mittelschultag am 23. September 2006. Beide, der alte Vortrag und der von heute, dieser sogar in einer erweiterten Fassung, weil ich jetzt nicht alles schaffen werde, stehen im Wortlaut auf meiner Netzseite www.RalfHickethier.de, außerdem liegen hier für Sie zwei Blätter bereit mit Thesen und Auszügen aus diesem Vortrag sowie der genauen Anschrift meiner Internetseite, die Sie sich am Ende gern mitnehmen können.
Sie können sich also, wenn Sie wollen, jetzt ganz auf das Zuhören konzentrieren.
Ich freue mich, Ihnen hier meine Gedanken sagen zu dürfen. Das ist ein großes Privileg, denn ich denke: Sie haben den guten Willen, zuzuhören, werden mir auch ein paar Irritationen durchgehen lassen, wenn ich nur wieder zurückfinde zu dem, was für die Realität unserer Arbeit wichtig ist.
Ich kann sagen „unserer“ Arbeit, weil ich als Verkehrspsychologe auch Seminare für junge Fahranfänger gebe, in denen es um die charakterlichen Ursachen von Verkehrsverstößen geht. Aber ich habe es leichter als Sie, denn den Führerschein wollen diese Burschen auf jeden Fall wieder haben oder behalten dürfen. Das ist nicht ganz mit dem Zeugnisschein zu vergleichen.
Das ganze Leben ist eine einzige Erpressung, sie muss greifen, wenn sie erzieherisch wertvoll sein will. Das hört sich zynisch an. Aber leider ist die Welt so. Es gilt: Wenn du nicht das machst bis dann und dann, kriegst du das nicht.
Erziehung muss eine bewusst-zielbezogene, kontrollierte und kultivierte Erpressung sein, eine wohlwollende, eine mit Optimismus und Sympathie und eine an den realen Möglichkeiten des Zöglings orientierte.
Der Leiter eines Erziehungscamps – Englisch macht alles schöner: Erziehungslager sagt keiner, obwohl doch „Ferienlager“ durchaus üblich ist – also der Leiter des Camps „Durchboxen“ Lothar Kannenberg, der im August 2005 vom Bundespräsidenten das Bundesverdienstkreuz bekam, macht nichts anderes. (Auf RTL 2 läuft gerade eine Serie dazu, da können Sie das dienstags um 21.15 Uhr besichtigen.) Er mag die Jugendlichen, aber diese Sympathie, dieses Wohlwollen kommen nur deshalb richtig zur Geltung, weil er ihnen konkret praktisch drohen kann: „Noch eine einzige Verweigerung bei den 5oo Kniebeugen z.B., die du jetzt zu machen hast und du fliegst raus, und der Jugendknast wird fällig. Das hier ist deine letzte Chance.“
...
11. Freiheit braucht Sicherheit
Mai 2007
Von der Redaktion "Die Deutsche Schule" nicht einmal als Leserbrief zur Veröffentlichung angenommen
Es geht immer darum, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Respekt den Reformpädagogen, die vor über 100 Jahren erkannt hatten, welche Wesensveränderungen für die Schule ihrer Zeit anstanden. Auf der primären, menschlichen Ebene hieß das: Schüler sollten als Menschen gesehen werden, als Individuen; die große Kluft in der sozialen Position zwischen Lehrer- und Schülerschaft sollte geebnet werden, Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern von Seele zu Seele, auf Augenhöhe sozusagen, sollten möglich werden.
Wer das damals und noch vor 50 Jahren als Lehrer ernsthaft tat, konnte mit der Dankbarkeit seiner Schüler rechnen. Die meisten konnten es gar nicht fassen: Der „Herr Lehrer“, die „Frau Lehrerin“ sind so nett, sie behandeln mich mit Achtung und Respekt. Und Volksschüler haben wahrscheinlich bewundert gedacht: Sie verzichten sogar dann auf Schläge, wenn ich sie eigentlich verdient gehabt hätte. Unglaublich! Gute Menschen sind das!
...
Vortrag auf dem Hoyerswerdaer Symposium „Familien in Bewegung“ am 1.6.2007
Das Thesenblatt – Auszug und Zusammenfassung wichtiger Gedanken aus dem Vortrag – vorab:
Zur Ausgangssituation
Letzte Aktualisierung: 08.03.2010